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„The Hash“ – Wenn 30 Falangs über Khmer-Land joggen

Hash house harriers
Als ich schon vier Wochen in Südost-Asien unterwegs bin, juckt es mich in den Beinen. Langsam könnte ich mal wieder Sport machen. Im Internet stoße ich auf eine skurrile Laufgruppe und erlebe einen der besten Tage meiner Reise.

Laufen in Phom Penh mit den Hash House Harriers

Nachdem ich mich drei Wochen mit südostasiantischen Spezialitäten und anderem fantastischen Essen gemästet habe, wird es mal wieder Zeit für einen kleinen Lauf. Aber wo? Mitten in der Hauptstadt von Kambodscha nicht dran zu denken.

Bei meiner Recherche in Bangkok bin ich damals schon auf eine Gruppe gestoßen, die sich „Hash House Harriers“ nennt, oder auch „The Hash“. Eine Art offener Lauftreff mit anschließendem gemeinsamen Essen, dachte ich. Scheint es in jeder größeren Stadt der Welt zu geben. Leider war ich nie zum richtigen Datum am richtigen Platz. Diesmal sollte es klappen. Als ich Samstagabend die Homepage checke, stelle ich fest, dass ich schon am nächsten Tag ein Hasher werden könnte.

Ganz genau weiß ich nicht, was mich da erwartet, denn sie schreiben auf der Homepage, dass sie Ablauf und Regeln nicht verraten könnten, weil sie einen dann töten müssten. Klingt ja erstmal ganz nach meinem Geschmack. Also bestelle ich mir ein Tuk Tuk und lasse mich an der „Trainstation“ absetzen, wo sich die Gruppe jeden Sonntag um 14 Uhr trifft. Und da stehen schon die ersten. Eine unhomogene Gruppe. Drei Männer um die 50 (England, Kananda, Italien), eine Australierin, eine Amerikanerin, Ein Pärchen, dass zur Zeit hier lebt (Österreich/Australien), ein paar junge kambodschanische Frauen und Männer, die zum Orga-Team gehören, ein englisches Paar um die 50 und ein junger Mann aus Tansania.

bahnhof the hash

Hier geht es nicht ums Laufen, hier geht es um Bier

Nach und nach trudeln weitere Menschen ein und irgendwann beschließt jemand, dass es Zeit ist und man kann sich registrieren. Man zahlt 5 Dollar für Organisation und Drinks und ab gehts auf den Truck. Etwa 35 Menschen stolpern über eine kleine Leiter auf die Ladefläche eines klapprigen Trucks. Auf diese Dinger quetschen sich in der Regel nur die Locals. Die sehen das genauso und lachen uns nach Strich und Faden aus, als wir durch ihre Straßen düsen. Es dauert fast eine Stunde, bis wir die Stadt hinter uns gelassen haben, denn am Standtrand herrscht katastrophales Verkehrschaos. Ich habe Angst, dass die Menschen wegen uns Unfälle bauen, weil sie nicht mehr auf die Straße gucken, sondern uns wie Zootiere angaffen. Ich finde, sie übertreiben. Sie können nicht verstehen, warum wir uns das antun. Schließlich könnten wir uns komfortabel mit dem Taxi oder dem Tuk Tuk fortbewegen.

Während der Fahrt kann ich zwei neue Informationen erhaschen. Es wird wohl eine Gruppe geben, die geht und eine die läuft. Ich werde natürlich Laufen. Jemand (natürlich ein Deutscher) sagt, wir hätten nicht verstanden worum es hier gehen würde: Hier ginge es nicht ums Laufen, hier gehe es um Bier. Achso, denke ich. Er wird wohl in der Walk-Gruppe sein. Außerdem erfahre ich, dass es vermutlich und höchstens ein 10 km-Lauf werden wird und dass bei halber Strecke der Truck warten wird. Der fungiert dann je nach gusto als Wasserstation, als Rettungsstation (Es ist Mittagszeit und die Temperaturen stehen bei über 30 Grad) oder auch als Bierstation (wohl eher ein Angebot an die Walker…).

bus

Am Ziel kullern wir dann alle aus dem Truck. Auf dem Basketballplatz einer Schule gibt es eine kleine Einführung für die „Virgins“. Ich verstehe kein Wort. Alle laufen los, ich hinterher. Am Rande der Laufstrecke tauchen Zeichen auf, deren Bedeutung eben geklärt wurde. Ich hab ja nichts gerafft, deswegen lauf ich einfach hinterher oder steh rum, wenn wa die anderen tun. Nach und nach werden mir die Regeln nochmal erklärt und ich verstehe es tatsächlich.

An den meisten Stellen an denen der Weg einem mehrere Möglichkeiten lässt, wie zum Beispiel Kreuzungen oder Weggabelungen, findet sich ein weißer Kreidekreis auf dem Boden. Die vorderen, schnelleren Läufer checken dann alle in Frage kommenden Wege gleichzeitig. In jede der infrage kommenden Richtungen läuft einer vor. Nur einer der Wege führt weiter. Die anderen beiden Wege sind Sackgassen und werden nach einer gewissen Strecke mit einem Kreuz markiert. Der Erkunder schreit dann laut on-back und muss die Strecke leider wieder zurück laufen. Dadurch kommen die starken Läufer am Ende auf wesentlich mehr Kilometer als die schwächeren Läufer. Dazu ergibt sich der Effekt, dass die Sprinter so immer wieder im hinteren Feld landen und die Gruppe beieinander bleibt. Hat ein Erkunder den richtigen Weg gefunden (dafür muss er an drei weißen Punkten vorbeigelaufen sein, die etwa im Abstand von 50 m auf dem Boden zu finden sind) ruft er On-on und die Gruppe prescht hinterher (Falls das hier irgendein Hasher liest und grobe Mängel am Regelwerk erkennt, bitte korrigiert mich. Oder müsst ihr mich jetzt töten, weil ich die Regeln verrate?)

Von Null auf HALLOHALLOHALLLOOOOOOO in weniger als 4 Sekunden

Die Strecke ist großartig: Über Felder, über Trampelpfade, mitten durchs Dorf, dann mal wieder Staubpiste. Halb Laufen, halb Trekking. Die Locals, vor allem die Kinder, flippen total aus. Von Null auf HALLOHALLOHALLLOOOOOOO in weniger als 4 Sekunden. Alles unter zehn feiert uns ab. Alles über zehn lacht uns aus, laut und von Herzen. Sie halten uns für bescheuert, weil wir mitten in der Nachmittagshitze durch ihr Dorf hetzen und irgendwie haben sie ja auch recht.

boys

Die meisten verstehen glaub ich auch generell nicht den Sinn von Sport. Die jüngeren Khmer Jungs und Mädels fragen „Where are you going?“ Sie wollen ihr Englisch ausprobieren. „We don´t know…“ müssen wir wahrheitsgemäß antworten, weil wir wieder an einem der Kreise stehen und auf die Späher warten.

Die kleinen Pausen tun gut, denn es ist mittlerweile sicher fast 40 Grad heiß in der Sonne und das Laufen zehrt. Hier und da laufen uns die Kinder hinterher. Im Schlafanzug natürlich, wie alle in Kambodscha. Nach fünf Kilometern bin ich schon ganz schön alle. Seit Beginn meiner Reise haben mich meine Beine mich nicht mehr schneller als 5 km/h tragen müssen, das macht sich jetzt bemerkbar. Mein Wasser war gefühlt schon nach 300 Metern alle und ich würde so gerne die Flasche loswerden. Mülleimer gibt es nirgends, weil ja alle den Müll auf die Straße schmeißen. Oder in Kartons, die sie dann später auf die Straße schmeißen. Könnte ich auch machen, kann ich aber natürlich nicht. Nach etwa 7 Kilometern wird die Gruppe etwas unruhig. Der Truck soll auf halber Strecke warten, nach meiner Rechnung ergibt das, wenn wir schon 7 km gelaufen sind und der Truck immer noch nicht in Sicht ist: Mindestens noch hundert Kilometer laufen!! Panik!

DAS macht den Kohl auch nicht mehr fett

schuhe

Tapfer laufe ich weiter. Eine Wahl habe ich aber sowieso nicht. Wir laufen auf eine junge Kuh zu, die an einem Pfahl angebunden ist. Plötzlich bremsen alle ab. Langsam und respektvoll wird um die Kuh herum geschlichen. Zunächst denke ich, alle haben Angst, dass sie angreift. Dann verstehe ich, dass sie das Tier nur nicht aufregen wollen. Ich mache einen großen Bogen um die neugierig guckende Kuh und komm dabei etwas vom Pfad ab. Plötzlich stecke ich knöchelhoch im Schlamm. Das ist jetzt aber mittlerweile auch egal.

Gottseidank taucht dann nach einer Brücke endlich der Truck auf und es gibt das ersehnte Wasser und die dringend benötigte Pause. Hier treffen wir auch mit den Walkern zusammen, die ab jetzt auf dem Truck mitfahren. Wer noch Energie hat, kann den restlichen Weg laufen, noch 5 km. Ich verpasse den Aufbruch und bin kurz darauf auch gar nicht traurig drum. Ich merke, dass es genug war und steige mit den anderen auf den Truck, der uns zum gemeinsamen Treffpunkt bringt. Casey beschließt, dass jetzt die Bierzeit anfängt. Das finde ich auch. Unsere Rufe werden erhört und aus den Kühltruhen wandern zwei Dosen „Cambodia“ durch die Menge. Prost!

abwärmen

Zurück auf dem Schulhof werden wir in einen Kreis gerufen. „Bring the Ice“ brüllt einer der Orgas und es werden zwei Eisblöcke in die Mitte des Kreises geschleppt. „Are there any Virgins? Come into the circle!“ Damit sind all die gemeint, die noch nie bei einem Hash mitgemacht haben. Ich muss in den Kreis. „Was passiert da jetzt?“ zisch ich noch in Caseys Richtung. Sie sagt schüttelt nur mit dem Kopf und guckt auf den Boden. Und in dem Moment weiß ich: Was gleich passiert, werde ich nie erzählen dürfen. Sonst müssen sie mich töten.

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